[b][u]Kapitel 9  Falscher Stolz[/u][/b]
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Nach der mehr als unglcklich verlaufenen Begegnung am vergangenen Tag, fand Tod den Fuchs Dexter nun niedergeschlagen vor seinem Bau in der Mittagssonne liegen. Inzwischen hatte Minka, die Katze des Bauern, sein Geheimnis, oder zumindest das, was sie dafr hielt, ausgeplaudert und der ganze Wald redete davon. Selbstverstndlich hatte Hektor, Platzhirsch seines Rudels und strkstes Tier des Waldes, auch schon lngst eine neue Versammlung angesetzt, um sich der Sache anzunehmen.

Obwohl der Fuchs nun keinerlei Grund mehr hatte, ihn zu verschonen, wagte sich Tod auf die kleine Lichtung. Selbst wenn es ihm den Hals kosten knnte, war da etwas, dass er unbedingt noch loswerden wollte.

Vorsichtig kroch Tod durch das Gras auf Dexter zu, immer wachsam, ob er sich regte. Aber der einst so stolze Fuchs bemerkte den Nager nur beilufig mit seinen mden Augen. Nicht einmal die sonst so wachsamen Fuchsohren waren aufgestellt. Man konnte ihm ansehen, dass er die Hoffnung auf eine Besserung seiner Lage aufgegeben hatte. Tod htte erwartet, dass er wtend wre, dass er ihn ohne zu zgern verschlingen wrde, dass er wenigstens den Anstand wahren und ihn verbal attackieren wrde, aber Dexter blieb einfach liegen, matt, kaputt und deprimiert.

Still und leise setzte sich die kleine Maus dem Fuchs vor die Schnauze. Noch immer rhrte er sich nicht. Auch wenn er als Fuchs der Schrecken jedes Nagers war, empfand Tod fr ihn Mitleid. Als Maus sollte Tod das Schicksal eines Fuchses eigentlich nicht kmmern. Wenn berhaupt, dann htt er Grund zur Freude ihn bald los zu sein, aber da er mageblich am Elend des Rotfuchses beteiligt war, wollte ihm der einzig positive Aspekt der Situation auch nicht so recht schmecken. Man konnte ber Muse sagen, dass sie frech seien, auch, dass sie vorlaut und dreist waren und manchmal auch unverschmt, aber gemein und gehssig waren sie nun wirklich nicht. Jedenfalls die meisten nicht.

Tut mir leid, dass das passiert ist, Dex, Entschuldigte sich Tod nach einem langen Augenblick voller Schweigen. Ich hab nicht gemerkt, dass die Katze mir gefolgt ist.

Tu mir einen Gefallen, sprach der Fuchs pltzlich. Seine Stimme klang gebrochen und erbrmlich, berhaupt nicht mehr wie frher. Bleib bei der Version, dass wir Freunde waren und uns gegenseitig geholfen haben.

Tod spitzte die Ohren.

Unter einem tiefen Seufzen fuhr Dexter fort: Ich mchte nicht allen als der Fuchs in Erinnerung bleiben, der von einer Maus gerettet wurde und sich dann von ihr hat demtigen lassen.

Schtze, das bin ich dir wohl schuldig, Dex... Die Bitte lie ihn tatschlich mit dem Fuchs mitfhlen. Immerhin wrde das, was ihm auf der Versammlung zur Last gelegt werden wrde, vermutlich wirklich das letzte sein, was den brigen Tieren des Waldes  darunter auch Marty  von ihm im Gedchtnis bleiben wird.

Langsam nahm Dexter die Augen von der Maus vor ihm und richtete sie in den Wald, aus dessen Tiefen eine beruhigende Vielfalt zwitschernder Vogelstimmen auf die Lichtung drang, die so lange sein Zuhause war. Dieses Pltzchen wird ihm fehlen.

Weit du..., sagte Tod pltzlich, immer noch vor ihm sitzend, und lenkte damit seine Aufmerksamkeit wieder auf sich, fr die Freundschaft muss es nicht unbedingt zu spt sein. Es war ziemlich ntzlich einen Fuchs auf meiner Seite zu haben. Und auerdem hat es echt Spa gemacht!

Natrlich brach Dexter nicht in Freudenjubel aus. Aber immerhin schien ihn die Aussage auch nicht sauer zu machen.

Ich sehe ja ein, dass ich dich nur ausgenutzt habe und auch gemein zu dir war... und es tut mir aufrichtig Leid, Dexter. Aber mal ehrlich, fragte Tod, kannst dus einer kleinen Maus verbeln?

Das entlockte dem Fuchs zwar den Anflug eines Lchelns, aber seine Laune vermochte auch das nicht zu erheitern. Das ist jetzt ohnehin alles egal, sprach Dexter. Ich werde mit Sicherheit verbannt werden, schon vergessen?

Leichte Schritte, die auf die Lichtung kamen und dann inne hielten, lieen die beiden aufhorchen. Es war Marty, der zu ihnen gestoen war. Vorsichtig ging Tod in Deckung und machte sich bereit zu verschwinden, als die Augen des jungen Fuchses ihn entdeckten. Aber Marty griff ihn nicht an.

Das Gerede im Wald hatte ihn Heim kommen lassen. berall erzhlte man sich von dem Fuchs, der einer Maus half. Von dem Fuchs, der der Freund einer Maus war. Von dem Fuchs, der sogar vor hatte ein anderes Tier des Waldes fr diese Maus zu tten! Und immer wieder viel der eine Name: Dexter!

Zuerst hielt Marty es fr einen schlechten Scherz, aber so viele andere Tiere wussten es. So viele Tiere, die ihm sagten, dass sein bester Freund nicht SEIN bester Freund, sondern der einer Maus war.

Das konnte nicht sein! Dexter? Der Dexter, mit dem er schon auf Musejagd gegangen war, als er noch ein Welpe war? Der Dexter, der sich nie von einem Nager hat unterkriegen lassen? Der Dexter, der ihm alles beigebracht hatte und dem er von allen Tieren im ganzen Wald am meisten vertraute?

Und doch konnte er die Wahrheit nun vor sich sehne. Dexter  der Dexter  und eine Maus! Nicht einfach irgendeine Maus  diese Maus! Tod!

Dann haben die anderen also Recht?, vermutete Marty ernchtert.

Der Ausdruck in den Augen seines Freundes brannte Dexter wie ein Feuer auf der Seele. ...Ja..., seufzte er.

Darum sollte ich ihn in Ruhe lassen?! Langsam ergab alles einen Sinn fr Marty. Und darum der Geruch nach lebender Maus?!

Ja..., gestand Dexter erneut ein.

Unglubig schaute Marty auf die kleine Maus hinab, die da immer noch neben Dexter im Gras stand. Dieses kleine, flinke Etwas, das fr ihn nie mehr als eine Mahlzeit war. Warum?, wollte er wissen.

Aber die Wahrheit konnte Dexter nicht ber seine Lippen bringen. Das ist kompliziert...

Warum eine Maus, Dexter? War ich dir nicht gut genug als Freund?

Nein!, antwortet Dexter ohne zu zgern. Sag so was nicht, Marty! Du bist mein bester Freund!

Aber was Wahrheit und was Lge war, konnte der jngere Fuchs im Augenblick nicht mehr auseinanderhalten. Da bin ich mir nicht mehr so sicher. Eine verletzte Traurigkeit machte sich in seiner Stimme breit. Warum hast dus mir nicht wenigstens erzhlt, huh?

Ich..., aber auch darauf fand Dexter nicht die passende Antwort. Eigentlich hatte er Recht! Er htte gleich zu ihm kommen sollen, als Tod ihm diese Abmachung aufgezwungen hatte. Aber sein Stolz war dafr zu gro gewesen. Ich... wei nicht...

Dann machs gut, Dex, sagte Marty und drehte sich um, um zu gehen. Wir sehen uns auf der Versammlung.

Warte, Marty! Geh nicht weg!, rief er seinem Freund noch hinterher, aber Marty verschwand leise im Wald. Verzweifelt lie Dexter seinen Kopf mit einem wehleidigen Schnauben wieder ins Gras fallen und landete dabei mit der Schnauze wieder vor der Maus, mit der alles seinen Anfang genommen hatte.

Fhrsorglich kam Tod einen Schritt nher heran und legte seine kleine Pfote auf die groe, kaltfeuchte Fuchsnase. Tut mir Leid, Dex. Ehrlich!

Wehmtig litt Dexter vor sich hin. Nun war der einzige, der ihm noch Trost spenden wollte, der, der ihm doch erst den ganzen Kummer bereitet hatte.

Er ist noch jung, versuchte Tod ihn etwas aufzumuntern. Der kriegt sich schon wieder ein, keine Sorge.

Und obschon er sich wnschte, sich mit Marty vershnen zu knnen, war es doch etwas anderes, das ihm im Moment viel grere Sorgen bereitete: Die anstehende Versammlung, deren Ausgang darber entscheiden wrde, ob er im Wald bleiben darf, oder ob er verbannt wird.

